Über Kaffee, Leistung, Urteile und Frauensolidarität
Vom Funktionieren und Pausieren
In dieser Reihe schreibe ich über das Dazwischen: über den Wunsch aufzuhören und den Drang, trotzdem weiterzumachen. Über Erschöpfung, Leistung und Rechtfertigung – und darüber, wie schwer es ist, unseren Körper und unsere Grenzen ernst zu nehmen, warum das so ist und wo wir neu denken könnten.
Schon wieder: Kaffee im Café
Ich trinke gerne Kaffee. Draußen in der Sonne, oder auch einmal im Regen unter einem Dachvorsprung. Mit Blick auf die Ostsee, einen Marktplatz oder die Fassade gegenüber. Ganz egal.
Wichtig ist Kaffee im Café. Dort, wo ich wahlweise ganz für mich sein und in der Menge untergehen oder aktiv Menschen beobachten kann. Beides erfüllt mich, je nach Tagesform.
Von außen sieht es gleich aus: Christina sitzt in einem Café und trinkt Kaffee. Jedes Mal. Manchmal an zwei Donnerstagen hintereinander, jeweils um halb elf.
Eigentlich unspektakulär. Aber nicht für Menschen, deren Weg ganz zufällig an genau diesen Donnerstagen um diese Uhrzeit am Café vorbei führt.
Dann lautet manche Begrüßung: „Ach, du sitzt schon wieder hier und trinkst Kaffee?!“
Von Männern, aber auch von Frauen. Von Bekannten, die schnell weitereilen. SIE haben keine Zeit, am Donnerstagvormittag zu sitzen und Kaffee zu trinken. Denken sie.
Gelernte Effizienz
Ja, wir haben gelernt so schrecklich effizient zu sein.
Haben gelernt, durchzuhalten, die Zähne zusammenzubeißen, ganz egal, was kommt.
Wir haben gelernt, uns zu organisieren. Und wenn am Ende des Tages keine Zeit mehr bleibt, aber noch eine lange To-Do-Liste übrig ist, versuchen wir, uns noch besser zu organisieren. In der verzweifelten Hoffnung, dass eines Tages der Moment kommt, an dem wir endlich das Gefühl haben, alles im Griff zu haben, endlich wieder Herrscherin über die Lage zu sein.
Und wir haben keine Zeit, um stehen zu bleiben, gar Kaffee zu trinken. Denn die To-Do-Listen sind lang. Aber nicht, weil wir etwas falsch machen.
Sie sind lang, weil unser Alltag sie überlädt, unter dem Druck der anderen und manchmal auch uns selbst.
Wir folgen dem Narrativ, dass das so sein muss. Dass wir effizient sein müssen bis zum Umfallen und dass Pause verschenkte Zeit ist. Dass Momente der Pause Momente der Faulheit sind. Und wer will schon als faul gelten?
Pause gleich Faulheit?
Mein Kaffee, der von außen betrachtet nach Faulheit aussieht, ist – was?
Er kann vieles sein, aber ein Ausdruck von Faulheit ist er niemals.
Mein Kaffee ist entweder ein Ausdruck von Selbstfürsorge: Ich halte inne. Gönne mir diesen Moment von Genuss, bevor mein Alltag weitergeht. Manchmal sortiere ich meine Gedanken, finde Lösungen, meistens aber auf jeden Fall meine gute Laune wieder. Weil mir dieser Kaffee guttut.
An anderen Tagen ist mein Kaffee ein Ausdruck von Arbeit. Man sieht es nicht, von außen betrachtet. Aber ich beobachte die Welt um mich herum. Lasse meine Gedanken schweifen – und plötzlich ist sie da: die Idee für den nächsten Newsletter, die nächste Meditation oder ein neues Angebot. Manchmal formuliere ich sogar den nächsten Blogartikel, ganz klassisch mit Bleistift und Notizbuch. Das ist immer dabei, fällt aber neben der Tasse Kaffee nicht weiter auf. Anscheinend.

Oder doch Arbeit?
Von außen sieht es immer gleich aus, sodass die Begrüßung niemals lautet: „Ach, du arbeitest schon wieder?“
Und das ist nicht nur für mich schade. Ich finde es auch für die Fragerin schade.
Denn was meint sie zu sehen?
Ich kann nur spekulieren, aber für mich klingt es wie:
- Ein Urteil? Sie ist schließlich geschäftiger als ich. Also ist sie besser. Sie leistet, ich trinke Kaffee.
- Ein Ausdruck von Traurigkeit? Sie erkennt, sie hat nicht die Zeit, am Vormittag zu sitzen und Kaffee zu trinken.
- Ein Anflug von „Das hätte ich auch gern.“?
- Ein Moment der Empörung: „Wo kommen wir denn da hin? Wenn das alle machen?“
Ja, wo kommen wir denn da hin?
Wenn das normal wird, dass erschöpfte Frauen sich eine Kaffeepause gönnen, wenn sie eine Pause brauchen?
Wenn wir aufhören, ein Urteil zu fällen über Frauen, die vermeintlich nichts tun. Denn der Schein kann trügen.
Wenn wir beginnen, zu vertrauen, dass es Gründe gibt, weshalb diese Frau gerade Kaffee trinkt.
Wenn wir Verständnis aufbringen und ihr den Kaffee zugestehen, denn wir alle wissen, was uns der Alltag abverlangt. Wie gut wir funktionieren und wie erschöpft gleichzeitig die Mehrheit ist.
Wenn wir anerkennen, dass sie für ihren Beruf, ihre Familie, ihr Umfeld ihr Bestes gibt, und das eben ab und zu Pausen erfordert?
Dann kommen wir….
Dann kommen wir in eine Welt, wo wir nicht hinter dem Rücken über andere Frauen tuscheln. Wo wir weniger Urteile fällen. Und wo wir uns gegenseitig den Rücken stärken und uns Pausen zugestehen.
Und wenn wir dann noch Pausen offen leben, sodass sie immer weniger als Faulheit, sondern immer mehr als normal gelten, bereiten wir den Weg für eine Kultur, in der sich Frauen nicht mehr rechtfertigen müssen, wenn sie sich ausruhen.
Und da beginnt für mich echte Solidarität.
Diesen Text teile ich mit dir als meinen Beitrag zur Blogparade „Frauensolidarität“ im August 2026. Diese Blogparade wurde ausgerufen von Sylvia Tornau
Danke für das Thema und die Inspiration zu diesem Text.








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