Über Kaffee, Leistung, Urteile und Frauensolidarität

Christina Reinisch | Stimme für Pause

Traust du dich, Pause zu machen?
Schau in nur 5 Minuten, wo du gerade stehst – ganz anonym, wenn du magst.

Vom Funktionieren und Pausieren
In dieser Reihe schreibe ich über das Dazwischen: über den Wunsch aufzuhören und den Drang, trotzdem weiterzumachen. Über Erschöpfung, Leistung und Rechtfertigung – und darüber, wie schwer es ist, unseren Körper und unsere Grenzen ernst zu nehmen, warum das so ist und wo wir neu denken könnten.

Schon wieder: Kaffee im Café

Ich trinke gerne Kaffee. Draußen in der Sonne, oder auch einmal im Regen unter einem Dachvorsprung. Mit Blick auf die Ostsee, einen Marktplatz oder die Fassade gegenüber. Ganz egal. 

Wichtig ist Kaffee im Café. Dort, wo ich wahlweise ganz für mich sein und in der Menge untergehen oder aktiv Menschen beobachten kann. Beides erfüllt mich, je nach Tagesform. 

Von außen sieht es gleich aus: Christina sitzt in einem Café und trinkt Kaffee. Jedes Mal. Manchmal an zwei Donnerstagen hintereinander, jeweils um halb elf. 

Eigentlich unspektakulär. Aber nicht für Menschen, deren Weg ganz zufällig an genau diesen Donnerstagen um diese Uhrzeit am Café vorbei führt. 

Dann lautet manche Begrüßung: „Ach, du sitzt schon wieder hier und trinkst Kaffee?!“

Von Männern, aber auch von Frauen. Von Bekannten, die schnell weitereilen. SIE haben keine Zeit, am Donnerstagvormittag zu sitzen und Kaffee zu trinken. Denken sie. 

Gelernte Effizienz

Ja, wir haben gelernt so schrecklich effizient zu sein. 

Haben gelernt, durchzuhalten, die Zähne zusammenzubeißen, ganz egal, was kommt. 

Wir haben gelernt, uns zu organisieren.  Und wenn am Ende des Tages keine Zeit mehr bleibt, aber noch eine lange To-Do-Liste übrig ist, versuchen wir, uns noch besser zu organisieren. In der verzweifelten Hoffnung, dass eines Tages der Moment kommt, an dem wir endlich das Gefühl haben, alles im Griff zu haben, endlich wieder Herrscherin über die Lage zu sein. 

Und wir haben keine Zeit, um stehen zu bleiben, gar Kaffee zu trinken. Denn die To-Do-Listen sind lang. Aber nicht, weil wir etwas falsch machen. 

Sie sind lang, weil unser Alltag sie überlädt, unter dem Druck der anderen und manchmal auch uns selbst. 

Wir folgen dem Narrativ, dass das so sein muss. Dass wir effizient sein müssen bis zum Umfallen und dass Pause verschenkte Zeit ist. Dass Momente der Pause Momente der Faulheit sind. Und wer will schon als faul gelten?

Pause gleich Faulheit?

Mein Kaffee, der von außen betrachtet nach Faulheit aussieht, ist – was?

Er kann vieles sein, aber ein Ausdruck von Faulheit ist er niemals. 

Mein Kaffee ist entweder ein Ausdruck von Selbstfürsorge: Ich halte inne. Gönne mir diesen Moment von Genuss, bevor mein Alltag weitergeht. Manchmal sortiere ich meine Gedanken, finde Lösungen, meistens aber auf jeden Fall meine gute Laune wieder. Weil mir dieser Kaffee guttut. 

An anderen Tagen ist mein Kaffee ein Ausdruck von Arbeit. Man sieht es nicht, von außen betrachtet. Aber ich beobachte die Welt um mich herum. Lasse meine Gedanken schweifen – und plötzlich ist sie da: die Idee für den nächsten Newsletter „Zwischen Atem & Alltag“, die nächste Meditation auf Insight Timer oder ein neues Angebot. Manchmal formuliere ich sogar den nächsten Blogartikel, ganz klassisch mit Bleistift und Notizbuch. Das ist immer dabei, fällt aber neben der Tasse Kaffee nicht weiter auf. Anscheinend. 

Oder doch Arbeit?

Von außen sieht es immer gleich aus, sodass die Begrüßung niemals lautet: „Ach, du arbeitest schon wieder?“

Und das ist nicht nur für mich schade. Ich finde es auch für die Fragerin schade. 

Denn was meint sie zu sehen?

Ich kann nur spekulieren, aber für mich klingt es wie:

  • Ein Urteil? Sie ist schließlich geschäftiger als ich. Also ist sie besser. Sie leistet, ich trinke Kaffee. 
  • Ein Ausdruck von Traurigkeit? Sie erkennt, sie hat nicht die Zeit, am Vormittag zu sitzen und Kaffee zu trinken. 
  • Ein Anflug von „Das hätte ich auch gern.“?
  • Ein Moment der Empörung:Wo kommen wir denn da hin? Wenn das alle machen?“

Ja, wo kommen wir denn da hin?

Wenn das normal wird, dass erschöpfte Frauen sich eine Kaffeepause gönnen, wenn sie eine Pause brauchen?

Wenn wir aufhören, ein Urteil zu fällen über Frauen, die vermeintlich nichts tun. Denn der Schein kann trügen. 

Wenn wir beginnen, zu vertrauen, dass es Gründe gibt, weshalb diese Frau gerade Kaffee trinkt. 

Wenn wir Verständnis aufbringen und ihr den Kaffee zugestehen, denn wir alle wissen, was uns der Alltag abverlangt. Wie gut wir funktionieren und wie erschöpft gleichzeitig die Mehrheit ist. 

Wenn wir anerkennen, dass sie für ihren Beruf, ihre Familie, ihr Umfeld ihr Bestes gibt, und das eben ab und zu Pausen erfordert?

Dann kommen wir….

Dann kommen wir in eine Welt, wo wir nicht hinter dem Rücken über andere Frauen tuscheln. Wo wir weniger Urteile fällen. Und wo wir uns gegenseitig den Rücken stärken und uns Pausen zugestehen. 

Und wenn wir dann noch Pausen offen leben, sodass sie immer weniger als Faulheit, sondern immer mehr als normal gelten, bereiten wir den Weg für eine Kultur, in der sich Frauen nicht mehr rechtfertigen müssen, wenn sie sich ausruhen. 

Und da beginnt für mich echte Solidarität. 


Diesen Text teile ich mit dir als meinen Beitrag zur Blogparade „Frauensolidarität“ im August 2026. Diese Blogparade wurde ausgerufen von Sylvia Tornau
Danke für das Thema und die Inspiration zu diesem Text. 

Christina am Ostseestrand, denkt nach über Meditation

Christina Reinisch | Stimme für Pause

Wer schreibt da?

Christina Reinisch

Ich bin Christina

Speakerin & Stimme für Pause aus Kiel. Ich glaube, dass Pause viel besser ist als ihr Ruf – und dass wir aufhören dürfen, unseren Körper wie eine Maschine zu behandeln.

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4 Kommentare zu „Frauensolidarität beginnt mit einer sichtbaren Pause“

  1. Avatar von Sylvia Tornau

    Liebe Christina, ich liebe deinen Beitrag und die Konsequenz, zum Kaffee im Café zu stehen. Auch ich liebe diese Momente vom Kaffee im Café.

    Du beschreibst in deinem Beitrag etwas, das ich in meiner Arbeit als Trauma-Coach immer wieder beobachte: Frauen, die gelernt haben, zu funktionieren, haben oft keinen Zugang mehr dazu, wofür eine Pause gut wäre, geschweige denn dazu, wie sie eine Pause machen könnten. Der Zwang zur gelernten Effizienz, von der du schreibst, ist in vielen Frauen tiefer verankert, das ist nicht eine bloße Gewohnheit. Dieser innere Zwang ist eine Überlebensstrategie, die irgendwann so selbstverständlich geworden ist, dass sie sich nicht mehr ausschalten lässt. Wer früh gelernt hat, dass Innehalten unerwünscht oder sogar gefährlich ist, bleibt in Bewegung und empfindet sich selbst als faul oder unverantwortlich, sobald sie innehält, anhält.

    Der Mechanismus, den du für die Außenwirkung von Pausen beschreibst, wirkt dabei auf mich besonders präzise: Frauen, die anderen Frauen ihre sichtbare Kaffeepause verübeln, stehen selbst unter diesem Druck. Das Urteil über die pausierende Frau sagt dann weniger über sie aus als über die Urteilende. Es ist die Projektion eines eigenen unerfüllten Bedürfnisses. Das klingt wie eine psychologische Randnotiz, ist aber in Wirklichkeit der Kern dessen, was Frauensolidarität so schwer macht: Wir können anderen kaum gönnen, was wir uns selbst verweigern. Und solange wir das nicht erkennen, landet das gemeinsame Erleben von Druck im Gegenüber, statt in der Struktur, die ihn erzeugt.

    Dein Gedanke, dass eine sichtbare Pause ein Akt der Solidarität sein kann, weil sie etwas normalisiert, was Frauen sonst verstecken, schließt genau da an. Es geht nicht darum, demonstrativ Pausen zu inszenieren. Es geht darum, damit aufzuhören, dass Frauen permanent verfügbar für die Bedürfnisse anderer Menschen sind, und darum, nicht länger (voller Stolz) anspruchslos durchs Leben zu gehen. Wenn wir uns nehmen, was wir brauchen, um zu entspannen, mal kurz abzuschalten oder auf ungewohnte Art zu arbeiten, so wie du, wenn du dir einen Kaffee im Café genehmigst, dann sollte dies eine Selbstverständlichkeit sein für uns und für andere. Wir müssen nicht rechtfertigen, was ohnehin berechtigt ist. Wer das, so wie du, vorlebt, verändert den Raum für die Frauen um sich herum, die sich das bisher nicht gestatten können.

    Danke für diesen wunderbaren Beitrag zu meiner Blogparade.

    Herzliche Grüße, Sylvia

    1. Avatar von Christina Reinisch

      Liebe Sylvia,

      vielen lieben Dank, dass du mit diesem Kommentar einige der Fragen, die mich bei meinem Kaffee und in diesem Artikel beschäftigen, beantwortest und noch weiterdenkst.

      Danke für deine so ausführliche, tiefe Antwort.

      Ich liebe den Dialog, der auf diesem Wege entsteht. Für den Moment möchte ich deine Worte so stehen lassen – und nachklingen. Denn sie dürfen stark für sich stehen.

      Von Herzen,
      Christina

  2. Avatar von Inga von WildKrautBraut

    Liebe Christina,

    du hast so recht. Wie schwer fällt es uns Frauen, unsere Pausen sichtbar zu machen. Ich gehe einfach mal mit gutem Beispiel voran, melde mich aus meiner wohlverdienten Blogparaden-Pause zurück und habe trotzdem noch einen Artikel für deine Blogparade geschrieben (ich hoffe, ich bin noch nicht zu spät). Link hinterlasse ich dir unter deinem Aufruf. Danke für deinen Weckruf mit deinem so wertvollen Artikel.

    Grüne Grüße
    Inga

    1. Avatar von Christina Reinisch

      Danke Inga für deine Worte. Ich bin sehr berührt.

      Und ich finde großartig, dass du einem wundervollen Pausenbeispiel vorangehst.
      Willkommen in der Pause-Welt. Ich freue mich aufrichtig, dass du da bist.

      Viele Grüße, Christina

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