Wie aus einem unfreiwilligen Rauswurf eine bewusste Entscheidung wurde. 

Ich bin raus – aus dem Club der Belastbaren. 

Aus dem Club der Kämpfer und Durchhalter um jeden Preis. Aus dem Club derer, die viel tragen, noch mehr möglich machen und ihr Durchhalten wie einen Orden vor sich hertragen. 

Und das ist gut.

Aber ich bin nicht freiwillig gegangen. Im Gegenteil, niemals hätte ich ihn freiwillig verlassen, ich hielt ihn für alternativlos und absolut erstrebenswert. Wert. Wertvoll. Ich habe meinen Wert an meiner Mitgliedschaft gemessen. 

Vom Funktionieren und Pausieren
In dieser Reihe schreibe ich über das Dazwischen: über den Wunsch aufzuhören und den Drang, trotzdem weiterzumachen. Über Erschöpfung, Leistung und Rechtfertigung – und darüber, wie schwer es ist, unseren Körper und unsere Grenzen ernst zu nehmen, warum das so ist und wo wir neu denken könnten.

Der Rauswurf

Als ich raus war, hat das für starke Gefühle gesorgt. Gefühle, die niemand haben möchte, die wir alle vermeiden, verdrängen und versuchen abzustellen. So schnell wie möglich und so vehement wie möglich. 

Da war echte Verzweiflung. Trauer, Wut und ein so starkes Nicht-haben-wollen wie ich es noch nie  gespürt habe. Immer wieder gemischt mit der Angst, wie mein Leben außerhalb des Clubs denn weitergehen sollte. 

Als die Zeit verging, wurden Verzweiflung, Wut und Trauer phasenweise weniger – und dann abgelöst durch die Scham, nicht mehr dazuzugehören. Außen zu stehen. Etwas Selbstverständliches nicht mehr zu können. Zu versagen. 

Und plötzlich sah ich es ganz anders. 

Und dann kam der Moment, der alles veränderte. Eine Stimme in mir flüsterte zunächst nur „Was wenn du nicht wieder zurückgehst?“

Ich war empört, schnappte nach Luft. Und verdrängte diese Stimme zunächst. 

Um den Jahreswechsel wurde die Stimme immer lauter, immer eindringlicher. In dieser Zeit, wo alle anderen auf ein ereignisreiches Jahr zurückschauen, sich zu ihren Erfolgen gratulieren und Misserfolge bagatellisieren oder als notwendige, weil lehrreiche Umwege aufpolieren. 

Mein eigener Rückblick

Ich schaute auch auf ein ereignisreiches Jahr, bzw auf ein Ereignis, dass zum letzen Jahreswechsel mein Leben aus den Angeln gehoben hatte, und mich seitdem in einen vehementen Kampf mit (oder soll ich sagen gegen?) die Akzeptanz verwickelt hatte: 

Meine Erkrankung. 

Plötzlich, über Nacht war mein Körper nur noch sehr begrenzt leistungsfähig. Im Grunde ist das schon ein hübscher Euphemismus. Und ich hatte das ganze Jahr lang alle meine Energie in den Kampf gegen die Symptome, gegen die Akzeptanz gesteckt. 

Vergeblich. Ich hatte manches Symptom verschlimmert und an der Erkrankung an sich – und an meinem Rauswurf aus dem Club der Belastbaren – NICHTS verändert. 

Ich hatte keine Freude in diesem Jahr, kaum Momente mit meiner Familie, gar mit Freunden. Mein ganzer Fokus hatte auf dem Kampf gegen die Situation gelegen. 

Neuer Weg im neuen Jahr

Und dann kam da diese Stimme: „Vielleicht musst du einen anderen Weg gehen, nicht wieder zurück!?“ Immer und immer wieder. 

Und schließlich habe ich nachgegeben. 

Ich habe den Kampf aktiv aufgegeben. 

Ich habe aktiv entschieden, meine Energie stattdessen in Momente mit meiner Familie und irgendwann auch wieder Freundinnen zu stecken. 

Ich habe aktiv entschieden mit meinem Körper zu leben, anstatt ihn weiter zu überfordern in dem Versuch einen Weg zurück in mein altes Leben zu finden. 

Und das implizierte auch eine Entscheidung gegen den Club. 

Frieden und Freiheit

Es hat mich viele, viele Tränen gekostet, mir aber schließlich Frieden geschenkt. 

Und eine gewisse Art von Freiheit:

  • Ich muss nicht mehr Kämpfen. 
  • Ich muss nicht mehr krampfhaft über meine Grenzen gehen. 
  • Ich muss mich nicht mehr mit Schmerzmitteln vollpumpen um das Unmögliche möglich zu machen.
  • Ich muss anderen (und mittlerweile auch mir) nichts mehr beweisen. 
  • Ich muss nichts mehr aushalten, „weil man das eben so macht“

Der Club der Belastbaren, bzw. meine Mitgliedschaft, sind nur noch eine Erinnerung. Und meistens will ich auch gar nicht zurück. Nur hin und wieder flüstert mein Leistungs-Ich mir ins Ohr:

Was, wenn es doch eines Tages wieder geht?

Was, wenn wir doch eines Tages wieder Mitglied sein können?“

Das ist ok. Flüstern darf es. Und ja, die Frage stellen, darf es auch. Manchmal werde ich dann wehmütig.

„War denn alles schlecht?“ und

„Es fühlt sich schon schön an, dazuzugehören!“

sind dann ganz leise, aber sehr ehrliche Antworten. 

Dazugehören um jeden Preis?

Doch meistens sehe ich sehr deutlich, was der Preis für eine Mitgliedschaft im Club im Allgemeinen ist:

  • Effizienz um jeden Preis.
  • Ergebnisse liefern. Jederzeit. 
  • Das dauerndes Gefühl, noch nicht genug getan zu haben.
  • Nicht enden wollende ToDo-Listen.
  • Durch den Tag hetzen.
  • Rund um die Uhr das Gefühl, keine Zeit zu haben. 
  • Nachts von Tag träumen.
  • Immer im Funktionieren bleiben.
  • Über körperliche Grenzen gehen.
  • Körperliche Symptome ignorieren oder betäuben.
  • Die Sehnsucht nach Pause wegdrücken mit „Ist eben so“ und sich dem scheinbar Unausweichlichem stellen.
  • Auf die Frage „Was sind deine Hobbys?“ keine Antwort haben.
  • Dazuzugehören. Anerkannt sein. Und doch irgendwie gefangen. Denn wo ist der Ausgang?

Und dann bin ich froh, dass ich heute einen anderen Weg gehe. 

Ich möchte gesund sein. 

Ich möchte fit sein und Berge versetzen, Ziele erreichen und in der Welt einen Unterschied machen. 

Aber ich möchte das in meinem Tempo machen dürfen. 

Und dann entsteht mein Wert aus dem, wie ich bin. Nicht aus dem, wie ich die Dinge anfasse.

Ich bin wertvoll. 

Das sehe ich jetzt. 

Diesen Text teile ich mit dir als meinen Beitrag zur Blogparade
„Und plötzlich sah is es ganz anders“ im August 2026.
Diese Blogparade wurde ausgerufen von Andrea Sam.
Danke für das Thema und die Inspiration zu diesem Text. 

Wie siehst du das? Bist du (noch) Mitglied im Club der Belastbaren? Bist du gerne Mitglied?

Oder bist du schon ausgestiegen und gehst DEINEN Weg? 

Lass es mich wissen und schreib es unten in die Kommentare oder per Mail an christina@deinkoerper-deinweg.de

Christina am Ostseestrand, denkt nach über Meditation

Christina | Stimme für Pause


In meinem Newsletter „Zwischen Atem & Alltag“ schreibe ich regelmäßig über Pausen, Erschöpfung, Körperwahrnehmung und die Erlaubnis, nicht immer weiter funktionieren zu müssen.

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