Warum Erschöpfung sich so schnell als persönliches Versagen anfühlt
Vom Funktionieren und Pausieren
In dieser Reihe schreibe ich über das Dazwischen: über den Wunsch aufzuhören und den Drang, trotzdem weiterzumachen. Über Erschöpfung, Leistung und Rechtfertigung – und darüber, wie schwer es ist, unseren Körper und unsere Grenzen ernst zu nehmen, warum das so ist und wo wir neu denken könnten.
Über die Scham, nicht belastbar genug zu sein
Ich bin raus.
Aus dem Club der Belastbaren, der Kämpfer, der Durchhalter.
Derer, die ihr Durchhalten wie einen Orden vor sich her tragen, sich gegenseitig auf die Schultern klopfen und auf diejenigen herabschauen, die nicht in selben Maße belastbar erscheinen.
Und wenn ich ehrlich bin, kenne ich diesen Blick nicht nur von anderen. Ich selbst habe auch auf Menschen herabgeschaut, die weniger belastbar schienen. Heute schaue ich hin und wieder noch mit diesem Blick – auf mich selbst.
Als hätte Belastbarkeit ausschließlich etwas mit eisernem Willen, Disziplin und Organisation zu tun.
Vielleicht hat sie eher etwas damit zu tun, wie erfolgreich wir weghören, wenn der eigene Körper Ansprüche stellt.
Oder das Umfeld, Freunde, Familie. Das eigene Leben eben.
Lange Zeit war ich Mitglied im Club, habe viel getragen, noch mehr möglich gemacht, und wenn ich an meine Grenzen kam, mich noch besser organisiert oder bin einfach noch früher aufgestanden.
Um es zu beweisen. Mir und der ganzen Welt: es geht doch. Ich kann das. Ich bin doch schon groß.
Ich habe es geliebt, als zuverlässig zu gelten.
Wollte eine der Guten sein, auf die man sich verlassen kann, die „Leistung“ bringt, keine Absagen oder Ausreden. Ich habe es geliebt, diese Anerkennung „Wie du das alles machst“, manchmal Bewunderung und dann diese Sicherheit…
Vor allem mein Vertrauen war unerschütterlich. Ich habe nie an mir gezweifelt, immer einen Weg gefunden. Ganz egal, welche Herausforderungen sich gezeigt haben. Sowas fühlt sich großartig an und hat mich über Jahre getragen.
Nie wäre ich auf die Idee gekommen, freiwillig auszusteigen. Aus dem Club der Belastbaren.
Und doch bin ich heute raus. Und es ist gut. Für meinen Körper. Für meine Familie, für mich.
Objektiv betrachtet.
Aber warum fühlt es sich nicht immer gut an?
Warum schäme ich mich, raus zu sein?
Warum schiele ich manchmal heimlich zu zurück zu der Zeit, als ich noch Mitglied war?
Ich empfinde Scham, dieses Gefühl, nicht richtig zu sein. Nicht etwas falsch gemacht zu haben, sondern viel existenzieller: falsch zu sein.
Mit mir stimmt etwas nicht. Ich trage keinen Orden mehr. Und ich bin raus. Ausgestoßen.
Ich genüge nicht mehr der Norm. Bin nicht mehr so, wie man sein soll.
Und das, obwohl ich auf meinen Körper höre. Gesund esse, gesund lebe. Stress vermeide. Das ist auch gut. Wertvoll.
Und doch scheint es nicht genug.
Weil es keine Leistung ist. Keine anerkannte.
Denn glaube mir, auf meinen Körper zu hören ist das Schwerste, was ich jemals gemacht habe. Hier konsequent zu bleiben. Termine abzusagen, auf Vergnügen verzichten, Kontakte reduzieren und so wahninnig gesund zu essen. Das ist harte Arbeit. Das erfordert eisernen Willen, Disziplin und auch Organisation.
Und doch – zählt es nicht. Gibt das keinen Orden.
Zumindest im Außen.
In meinem Innen schon manchmal. Aber nur, wenn ich mein Leistungs-Ich leise drehen kann.
Beide Wege verlangen Kraft und doch zählen sie nicht gleichwertig.
Früher war meine Leistung sichtbar, sogar messbar an erledigten Aufgaben, eingehaltenen Terminen, Verabredungen oder schlicht der Anzahl der versendeten Emails. Positive Außenwirkung gewissermaßen.
Innenwirkung
Mein heutiger Weg ist gekennzeichnet von weniger übernommenen Aufgaben, Nein zu zusätzlichen Aufgaben und immer wieder auch Absagen.
Auch eine Außenwirkung. Aber keinem positive. Dass all dies notwendig ist, um meinen Körper stabil zu halten, sieht niemand. Genauso wenig, wie die viele zusätzliche Zeit und Anstrengung, die in gesunde Ernährung, Bewegung, Meditation und all die anderen Dinge fließen, die mir gut tun. Niemand sieht den Frust über verpasste Veranstaltungen oder Treffen mit Freundinnen und Freunden.
Manchmal sehe sogar ich das nicht.
Vielleicht liegt hier der eigentliche Grund für meine Scham:
Ich habe die allgemeine Leistungsnorm verstanden. Ich habe diese Definition von Leistung hinter mir gelassen. Und doch ist sie so tief in mir verankert, dass ich sie immer noch fühle.
Wann immer ich einen Termin absage, weil ich wirklich erschöpft bin, kann ich nicht anders als mich zu rechtfertigen. Zu erklären, was mich heute erschöpft hat und warum der Termin wirklich zu viel ist. Warum ich nicht leichtfertig absage.
Und obwohl ich weiß, dass eine Absage vernünftig ist,
obwohl ich weiß, dass ein Durchhalten auch meinem Gegenüber nicht gerecht würde,
und obwohl ich weiß, dass eine Absage die eigentliche Leistung ist, kann ich nicht „einfach absagen“. Ich fühle mich schlecht. Es fühlt sich an, wie Versagen.
Dennoch oder gerade – ein Orden
Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich mir ganz offiziell einen neuen Orden verleihe.
Nicht für die größte Effizienz oder das tapferste Durchhaltevermögen,
sondern für den Mut, meinen eigenen Körper ernst zu nehmen.
Kennst du sie, die Scham, nicht belastbar genug zu sein? Wo zeigt sie sich, und wie gehst du damit um?
Schreib mir gern unten in die Kommentare oder per Mail an christina@deinkoerper-deinweg.de . Ich freue mich sehr von dir zu lesen.
Diesen Text teile ich mit dir als einen meiner Beiträge zur Blogparade „Peinlich!? Scham als Ressource im Berufsalltag“ im Juli 2026. Diese Blogparade wurde ausgerufen von Susanne Wagner von Atemsinn
Danke für das Thema und die Inspiration zu diesem Text.
Meinen zweiten Beitrag „Peinlich: Wenn mit mitten im Satz die Worte fehlen“ über eine Zwangspause, die meine Souveränität ins Wanken brachte, liest du hier.








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