Über Zeit, Ertrag und die Frage, was sich wirklich auszahlt
Vom Funktionieren und Pausieren
In dieser Reihe schreibe ich über das Dazwischen: über den Wunsch aufzuhören und den Drang, trotzdem weiterzumachen. Über Erschöpfung, Leistung und Rechtfertigung – und darüber, wie schwer es ist, unseren Körper und unsere Grenzen ernst zu nehmen, warum das so ist und wo wir neu denken könnten.
Als ich den Schreibimpuls der „Blognacht“ – Investment- zuerst hörte, dachte ich sofort an Geld, Aktien und Altersvorsorge. An „Heute schon an morgen denken“ und cleverer sein als der Durchschnitt.
Laut Google bezeichnet ein Investment den zielgerichteten Einsatz von Kapital in der Gegenwart, um daraus in der Zukunft einen größeren Nutzen, Ertrag oder Gewinn zu ziehen. Wobei das eingesetzte Kapital wahlweise Geld, aber auch Zeit oder jede andere Ressource sein kann.
So beschrieben klingt Investment wirklich sehr clever: einen größeren Nutzen, Ertrag oder Gewinn erzielen. Zwar erst in der Zukunft, aber hey, alles hat seinen Preis.
Wichtig scheint hier, dass der Einsatz sich auszahlen muss – zahlen. Bezahlen. Oder jedenfalls in Zahlen messbar sein.
Mit Geld ist das vergleichsweise einfach. Die größere Zahl ist die bessere – zumindest solange es um Ertrag oder Gewinn geht.
Was aber, wenn wir anderes „Kapital“ einsetzen?
Auf Zeit gibt es keinen Dispo, keine Kreditkarte der Welt deckt deine Zeit und du kannst kein Darlehen aufnehmen, um später mit Zinsen zurückzuzahlen.
Auf der anderen Seite können wir Zeit sehr wohl investieren – in Arbeit, in Beziehungen, in Gesundheit, in unser seelisches und körperliches Wohlbefinden. Aber ist das messbar?
Zeit, zum Beispiel
Wenn wir unsere Lebenszeit jetzt einsetzen – um was? Um in der Zukunft einen größeren Nutzen, Ertrag oder Gewinn zu erzielen.
Das klingt absurd. Wie soll das gehen? Jetzt Zeit einsetzen, um in Zukunft mehr davon zu haben? Vorsicht, unser Leben ist endlich.
Wir können jetzt Zeit investieren in Arbeit. Um sie in naher Zukunft Geld einzutauschen. Zeit gegen Geld. Vielleicht kein Invest im klassischen Sinne, aber zugegeben lebensnotwendig.
Wir können jetzt unsere Zeit investieren in Beziehungen:
- einer Freundin zur Seite stehen, wenn sie uns braucht,
- einen lieben Menschen anrufen,
- oder schlicht die Zeit gemeinsam verbringen.
Wenn die Zeit gut „investiert“ ist, entsteht daraus ein Gefühl von Verbundenheit, von Freundschaft und Freude, gemeinsames Lachen, vielleicht sogar Zufriedenheit. Wundervoll. Und das meist sofort – und nicht erst nach Ablauf der Laufzeit.
Wir können aber auch jetzt unsere Zeit investieren in die Beziehung zu uns:
- in ablenkungsfreie Zeit in unserer eigenen Gesellschaft
- in Kreativität (und z.B. etwas Schreiben)
- in etwas, das uns innerlich wachsen lässt, wie z.B. Lesen
Auch hier kann Freude entstehen oder Verbundenheit, Vertrauen, Sicherheit und die tollsten Ideen.
Aber messbar ist dieser „Ertrag“ nicht. Zumindest nicht in Zahlen. Und ist es überhaupt „Ertrag“, oder sprechen wir einfach von einem Tausch: Zeit gegen Freude, Verbundenheit, Freundschaft,…?
Und welches ist das bessere Investment?
Oder noch eine ganz andere Ressource: unser Körper.
Unser Körper ist unsere Ressource. Und sie ist nicht unerschöpflich. Ein guter Grund, ihn clever zu behandeln, vorausschauend und immer mit der Verwendungsmöglichkeit in der Zukunft im Blick.
Aber warum fällt uns das so schwer?
Wir investieren unseren Körper und leben gleichzeitig im Jetzt in der Illusion, dass unser Körper ewig so weiter machen kann. Während wir Lebenszeit gegen Arbeitszeit tauschen, um am Ende des Monats Geld einzutauschen, das wir in die Zukunft investieren können.
Um mehr Geld zu haben? Aber mit weniger Zeit, oder genauer, mit weniger Körper?
Wie wäre es, wenn wir jetzt, statt unseren Körper zu investieren, IN unseren Körper investieren?
Wir könnten in Zeit für unseren Körper investieren.
In Rücksicht auf unsere Bedürfnisse. Zum Beispiel Wasser trinken, oder eine gesunde Form der Nahrung zuzubereiten. Wir könnten Sport treiben, frische Luft tanken, oder aber einfach mal eine Pause machen.
Eine Pause? Immer wieder eine Pause. Immer wieder dem Körper die Chance geben auf Regeneration. Immer wieder das Nervensystem herunterfahren, den Stress abbauen, bevor er sich im Laufe des Tages zu einem unbezwingbaren Berg auftürmt.
Inwiefern zahlt sich das aber für unsere Zukunft aus? Was bekommen wir dafür zurück?
In der Zukunft? Das weiß keiner so genau.
Aber es zahlt sich unmittelbar auf dein Leben aus:
Wenn du nämlich meiner Vision näher kommst:
- Wenn du abends müde zwar von der Arbeit kommst, aber nicht vollkommen erschöpft.
- – Wenn du von der Arbeit kommst und noch etwas hast vom Leben, vom Abend, vom Wochenende.
- – Wenn du von der Arbeit kommst und noch Kapazität hast, deine Zeit in Beziehungen- zu dir selbst, oder zu lieben Menschen- zu investieren.
Ist es Ironie?
Und dann klingt es fast ironisch, wenn wir auf Google weiterlesen: Das lateinische investire, aus dem unser Wort investieren kommt, enthält vestire, das in etwa „bekleiden“, oder „in etwas kleiden“, bedeutet.
Wie wäre es, wenn wir statt das nächste Mal das Geld, das wir unter Einsatz unserer Lebenszeit eingetauscht haben, in die Zukunft zu investieren, einmal in unseren Körper investieren?
Ihn gewissermaßen einhüllen, einkleiden, in Pause. Also ganz praktisch in Fürsorge, in Respekt vor seinen Bedürfnissen oder Verständnis für seine Erschöpfbarkeit.
Clever oder nicht?
Oder zählt das nicht als cleveres Invest, weil wir es nicht beziffern können? Weil es keine Zahl gibt, die den Ertrag ausdrückt, die höher sein kann als eine andere.
Zählt es nicht, weil der Ertrag in deinem Gefühl liegt? Vielleicht sogar von außen gar nicht wahrnehmbar.
Eine Geldanlage ist automatisch vernünftig, vorausschauend und verantwortungsvoll.
Heute für den Körper sorgen, ihn nicht unerbittlich an seine Grenzen führen, damit wir ihn auch morgen noch haben, ist dagegen unnötig, bequem, fast schon faul, oder schlicht ein Luxus, den wir uns nicht leisten können?
Kurz: Warum behandeln wir unser Geld so gerne vorausschauender als unsere eigene Kraft?
Was denkst du? Ich bin gespannt, von dir zu lesen.
Schreib mir hier in die Kommentare, oder per Mail an christina@deinkoerper-deinweg.de
Dieser Artikel ist während der „Blognacht“ am 28.08.26 entstanden. Die „Blognacht“ wird regelmäßig initiiert von Anna Koschinski.
Anna hält den Zoom-Raum und inspiriert mit einem Schreibimpuls.
Danke für die Gelegenheit, in Gemeinschaft zu schreiben.








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