Über die sichtbaren und unsichtbaren Bedingungen, die wir an Erholung knüpfen
Vom Funktionieren und Pausieren
In dieser Reihe schreibe ich über das Dazwischen: über den Wunsch aufzuhören und den Drang, trotzdem weiterzumachen. Über Erschöpfung, Leistung und Rechtfertigung – und darüber, wie schwer es ist, unseren Körper und unsere Grenzen ernst zu nehmen, warum das so ist und wo wir neu denken könnten.
Wann ist Pause für MICH erlaubt?
In meinem alten Leben haben Pausen einfach nicht stattgefunden. Ich hatte keine Zeit und die Vorstellung, dass Pausen unnötig vertane Zeit sind.
Heute sehe ich das anders.
Ich liebe Pausen. Ich spreche über Pausen. Und dabei bemerke ich, dass wenn ich im Gespräch erwähne, dass mir Pausen gut tun, und dass ich sie regelmäßig pflege, sogar priorisiere, das Gespräch durch das Gegenüber ganz schnell abgebrochen wird mit einem „Das geht in meinem Leben nicht!“
Was liegt dahinter?
Ich habe den Eindruck, dass hinter diesem schnellen Rückzug mehrere Ebenen von Angst liegen könnten.
In einer ersten Ebene ist da vielleicht die Angst vor der Erkenntnis, dass der Körper schon längst ganz dringend eine Pause vom hektischen Alltag braucht.
Und darunter könnte die Angst liegen, das eigene Leben verändern zu müssen, um den Bedürfnissen des Körpers gerecht zu werden. Bereits eine leise Ahnung davon, dass man sich selbst und dem Körper zu viel zugemutet hat – und ein Umdenken notwendig sein könnte. Aber das ist bedrohlich.
Ganz im Kern könnte sich dahinter eine Art Angst verbergen, nicht mehr leistungsfähig genug – oder ganz allgemein nicht genug – zu sein, wenn man einen Teil seiner Zeit für Pause verwendet und dafür anderes loslässt.
Dann wäre es gar nicht so sehr ein Zeitproblem, sondern die existenzielle Angst, dass Pause etwas verändern oder sogar ins Wanken bringen könnte. Dass Pause uns etwas wegnimmt.
Zum Beispiel unsere Leistungsfähigkeit und damit unser Selbstbild, die Zugehörigkeit zum Club der Belastbaren oder einfach die bisherige Ordnung des eigenen Lebens.
Neulich im Gespräch
Neulich hat mir eine Freundin im Gespräch anvertraut, dass neuerdings ihr Blutdruck zu hoch ist. Besorgniserregend hoch. So hoch, dass sie starke Medikamente nimmt und ihr Arzt sie für Wochen krankschreiben wollte. Damit sie Pause machen kann, etwas für sich tun, kurz den Stress der letzten Jahre(!) verarbeiten.
Ich wollte sie darin bestärken, diese Pause zuzulassen, hielt das für eine gute Idee. Aber sie ist sofort in Widerstand gegangen. Und hat das Thema gewechselt.
Es gab einige Herausforderungen in den Jahren zuvor.
Es gab objektive, messbare Gründe.
Es gab einen ärztlichen Rat.
Und doch war das noch zu wenig.
In ihren Augen war die Pause noch nicht hinreichend gerechtfertigt.
Notwendig? Vielleicht. „Es war wirklich etwas viel zuletzt.“
Aber Pause machen? „Das geht schon so irgendwie.“
In diesem Moment bin ich schwer erschrocken.
Sie ist meine Freundin, sie liegt mir am Herzen, es geht ihr nicht gut.
Es gibt einen Ausweg. Keine Lösung, aber einen ersten Schritt. Und sie geht ihn nicht. Kann ihn nicht gehen. Kann sich Pause nicht erlauben.
Sie wird weiter rennen. Mit hohem Blutdruck und Medikamenten. „Weil es anders nicht geht!“
Ich bin schwer erschrocken, weil der Widerstand gegen Pause so tief sitzt.
So tief, dass Vernunft nichts anrichten kann. Und der Körper schreit.
Und schlimmer noch, ich kann es fast verstehen.
Erinnerung an mein altes Ich
Es erinnert mich an mich selbst vor einigen Jahren. An die Zeit, als ich mir Pause nur dann erlaubt hätte, wenn die ToDo-Liste abgearbeitet gewesen wäre. Ganz einfach: Solange noch etwas zu tun war, war Pause nicht erlaubt.
Aber plötzlich war auch ich an dem Punkt, an dem Pause nicht mehr verhandelbar war – und ich fühlte Schock, Nicht-wahrhaben-Wollen, und ganz große Angst.
Ich konnte mir nicht vorstellen, Pause in mein Leben einzuladen, geschweige denn mein Leben nach Pausen auszurichten.
Pause schien mir so bedrohlich. Sie drohte, mir etwas wegzunehmen.
Freunde, Verabredungen, Sport und Arbeit.
Freude, Spaß und Anerkennung.
Mein ganzes Selbstbild als leistungsfähige, starke Frau. Eine Frau mit vielen sozialen Kontakten, mit Hobbys und Zielen. Mein ganzes Leben drohte zu zerbrechen, wenn ich Pause einladen würde.
Denn ich will hier nichts romantisieren.
Pause ist nichts, was leistungsstarke Menschen mal eben so in ihren Terminplan quetschen.
Raum für Pausen
Pause braucht Raum. Per definitionem.
Pause kann dauern. Manchmal länger, manchmal kürzer.
Pause braucht Kreativität – und Loslassen.
Wir müssen Dinge, Termine, Verabredungen, Zusagen gehen lassen, um den Raum für Pause zu schaffen.
Und loslassen tut weh. Natürlich haben wir Angst davor.
Angst unsere gewohnten Bahnen zu verlassen.
Aber auch ganz konkrete Angst, konkrete Dinge loszulassen, wie z.B. eine zusätzliche Aufgabe, die uns Anerkennung oder Bestätigung verschafft hätte.
Ich kenne diesen Schmerz und gerade deshalb bin ich heute aus voller Überzeugung
Ich gönne mir Pausen, sie sind ein fester Bestandteil meines Alltags.
Gleichzeitig erinnere ich mich gut, dass der Weg nicht leicht war.
Ich habe meine Perspektive nicht über Nacht einfach geändert.
So funktioniert das nicht. Dazu sitzt die Angst einfach zu tief.
Die Notwendigkeit Loszulassen
Ich bin einen langen Weg gegangen und habe eine ganze Menge Vorstellungen gehen lassen.
Und ja, ich habe auch Hobbys gehen lassen, sogar soziale Kontakte. Zu Beginn schweren Herzens.
Mit jeder Pause, die ich mehr in mein Leben eingeladen habe, mit jeder Entscheidung, die ich zugunsten von Pause getroffen habe, ist es mir irgendwann leichter gefallen.
Weil ich zunehmend die positiven Effekte der Pausen genießen durfte. So verschiebt sich die Perspektive ganz langsam vom reinen Verlust, über gelegentliche Gewinne zu einem erfüllten Leben.
Langsam und immer wieder auch mit Rückschritten. Denn natürlich ist mein Leistungs-Ich auch nach Jahren der Übung nicht vollständig verstummt und flüstert mir immer wieder eine der unzähligen Variationen von „Du bist nicht genug“ ins Ohr. An manchen Tagen kann ich es einfach ignorieren – und an anderen trifft mich sein Urteil schwer.
Aber mittlerweile gelingt mir immer wieder besser der Spagat zwischen meinem Leistungs-Ich und meinem Pause-Bedürfnis. Es ist zwar nicht mehr Zeit da, aber ich schaffe aktiv Raum für Pause. Ich warte nicht länger ab, ob sich im Laufe des Tages Leerlauf einstellt, sondern sorge dafür.
Wie „sich Pause erlauben“?
Eine Lösung, die ich für mich gefunden habe, nenne ich „ToDo-Listen-Disziplin“.
Dahinter versteckt sich die peinlich genaue Kontrolle dessen, was einen Platz auf meiner ToDo-Liste bekommt. Ich habe ganz viel „Ich muss“ losgelassen und erreiche so, dass meine ToDo-Liste regelmäßig leer ist.
Und spätestens dann kann ich mir Pause erlauben, auch ohne dass mein Leistungs-Ich mich verurteilt.
Und so lautet meine Antwort auf die Frage also: Im Gegensatz zu früher ist Pause heute für mich immer erlaubt.
Weil ich ihr aktiv Raum verschaffe und nicht abwarte, bis zufällig nichts mehr zu tun ist.
Was sind deine Pausen-Ideen und welche Herausforderungen meisterst du in diesem Zusammenhang?
Schreib es mir gern in die Kommentare oder per M Ich freue mich sehr, von dir zu lesen.
Dieser Text ist mein Beitrag zu meiner eigenen Blogparade „Wann ist Pause für dich erlaubt?“ Sie läuft noch bis zum 6. September 2026 und ich freue mich, wenn du auch daran teilnimmst.

Christina | Stimme für Pause







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