Als Stimme für Pause trete ich für das Image von Pause ein. Dafür, dass wir alle selbstverständlicher sehen, dass Pause eben nicht gleichbedeutend ist mit Faulheit.
Gleichzeitig übe ich selbst Pause. Jeden Tag. Immer wieder. Und manchmal fällt es mir schwer, sehr schwer, und an anderen Tagen ist es leichter.
Woher die Stimme kommt
In meinem „alten” Leben, in der Zeit bevor ich mich für Pause stark gemacht habe, war ich ein Leistungsmensch. Ich war erfolgreich. Ich habe immer meine Ziele erreicht, sofort neue gesteckt, um noch mehr zu erreichen.
Mein Ehrgeiz war unerschöpflich und auch unaufhörlich ungnädig mit mir.
Immer war da diese Stimme in meinen inneren Dialogen. Die Stimme, die mich zu immer mehr Leistung, zu immer mehr Commitment und noch besseren Ergebnissen angespornt hat.
Dabei ist „anspornen” ein Euphemismus. Im Grunde war Leistung für mich in meinem Selbstbild alternativlos. Aufgeben oder Scheitern kam nicht in Frage. Koste es, was es wolle – Zeit, Energie, Schlaf – ganz egal.
„Wenn etwas nicht klappt, hast du es nur noch nicht genug versucht!” oder „Du kannst alles erreichen, wenn du dich nur genug anstrengst!” sind zwei Seiten derselben selbstausbeuterischen Medaille.
Immer war da diese Stimme in meinen inneren Dialogen. Laut. So laut, ich konnte sie nicht überhören, oder vielleicht wollte ich es auch nicht. Ich mochte mich so zielstrebig. In der Rückschau war das die einzige Stimme, die ich damals wahrgenommen habe.
Was Pause machen für mich in der Praxis bedeutet
Heute bin ich die Stimme für Pause und trage eine ganz andere Botschaft in die Welt: „Pause ist eben kein Luxus”.
Dazu gehört, dass ich selbst auch regelmäßig Pause mache. Und was so harmlos klingt, bedeutet in der Praxis z. B.
- Emails unbeantwortet lassen, weil gerade keine Kapazität da ist.
- nur wenige Kundentermine annehmen, sodass noch Luft im Kalender bleibt.
Die Auswirkungen auf mein Privatleben sind noch gravierender:
- nur wenige soziale Kontakte aufrechterhalten, damit noch Luft im Kalender bleibt, d. h. ich treffe nur eine Handvoll Menschen, die mir wirklich wichtig sind. Für „das wäre auch mal nett” habe ich keine Kapazität.
- mehr als einmal habe ich ein Theaterstück, Kabarett o. Ä. in der Pause verlassen – nicht weil es schlecht war, nein, im Gegenteil. Schweren Herzens, aber ich brauchte eine Pause vom Input – und mein Schlaf ist mir mittlerweile heilig.
- am Wochenende nehme ich mir nichts vor. Ich brauche eine große Pause und entscheide dann ganz spontan, ob ich etwas unternehmen möchte.
Willkommen, Leistungs-Ich
Das mag dir alles sehr extrem vorkommen, weltfremd sogar. Und ich verstehe das – denn diese Stimme in meinen inneren Dialogen ist nicht verschwunden. Manchmal wünsche ich mir, das wäre so. Sie hätte mich einfach verlassen, vergessen, mich in Frieden sein lassen – Ich nenne diese Stimme „Mein Leistungs-Ich”.
Das ist genau die Stimme, die mit ihren ständigen Erwartungen und Durchhalteparolen mich ungnädig zu Höchstleistungen angespornt hat.
Heute ist sie leiser als früher, aber ihre Message ist dieselbe:
- „Du kannst doch nicht xy.“ Such es dir aus: Pause machen, liegen bleiben, dich hinlegen, hier aufhören, zu Bett gehen… Die Liste der Dinge, die ich „nicht kann”, aber immer wieder tue, ist lang.
- „Gut ist nicht gut genug – es muss perfekt sein”. Ein alter Hut und gleichzeitig aktuell wie nie.
- „Weiter geht’s, du hast dich noch nicht genug angestrengt.“
Wahrscheinlich ist sie eine Mischung aus Ehrgeiz, Perfektionismus und Durchhaltewillen. Willkommen „Leistungs-Ich”.
Mehr als 20 Jahre war ich Leistungsmensch, bevor ich mir erlaubt habe, auch die anderen Stimmen zu hören.
Wie ich heute mit meinem Leistungs-Ich umgehe
Im Unterschied zu früher, habe ich gelernt, meinem Leistungs-Ich nicht das alleinige Rederecht in meinen inneren Dialogen einzuräumen.
Es kommt zu Wort, aber nicht immer, und immer nicht mehr so laut wie früher.
Gleichzeitig höre ich jetzt auch anderen Stimmen zu:
- der Stimme der Anerkennung: „Hej, das hast du gut gemacht!”
- die Stimme des Verständnisses: „Ok, das ist nicht perfekt – aber hej, unter diesen Umständen – well done!”
- die Stimme der Fürsorge: „Du hast Kopfschmerzen. Zeit für eine Pause” oder „Lust auf einen freien Nachmittag? Wir gehen Kaffee trinken, einfach so”
- die Stimme des Übermuts: „Heute schon was vor? Lass uns spontan sein!”
- die Stimme der Mäßigung: „Es ist genug.”
Und dann ist da auch noch mein Körper. Wenn ich mich darauf einlasse, höre ich auch ihn mitreden: „Ich bin müde” oder „Wir sollten etwas essen/trinken”. Während die anderen sich in Rage reden können, bleibt er immer ganz nüchtern. Er teilt mit. Punkt. So ist es aus seiner Sicht.
Und er lädt mich damit praktisch ein, ihn zu übergehen. Es wäre so einfach. Aber wehe, ich ignoriere seine Stimme, dann schreit er. Deshalb tendiere ich immer mehr dazu, ihm so frühzeitig wie möglich zuzuhören und seine Kommentare ernst zu nehmen.
Sie alle haben ihre Berechtigung, aber keine darf das alleinige Sprachrecht bekommen. Ich lasse sie diskutieren.
Und wenn es mir zu bunt wird, nehme ich die eine oder andere Stimme zur Seite:
„Hey, Leistungs-Ich, danke, dass du da bist, aber heute darfst du Pause machen!”

Christina Reinisch | Stimme für Pause









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