Digital Detox im Sommer

Zwei Menschen, die im selben Moment den Blick heben

Sommerzeit, Ferienzeit, Familien machen scheinbar unbeschwert Urlaub.
Ich genieße diese Zeit des draußen Seins, der Helligkeit und Leichtigkeit – endlich keine dicke Jacke. Dieses Jahr sogar in Schleswig-Holstein. Wenn ich hier den Abend auf der Terrasse verbringen kann, ohne mir ein Sweatshirt überzuziehen, ist es wirklich Sommer. 

Neulich genieße ich einen Abend gemeinsam mit einer Freundin. Sie holt mich ab, wir fahren in Richtung Wasser. Zuerst ein Abendessen, danach noch ein paar Schritte auf der Promenade. Schließlich finden wir eine Bank mit Blick über den Strand, aufs Wasser. In der Nähe ein Spielplatz. 

Ich genieße den Abend. Wir haben uns lange nicht gesehen und viel zu erzählen. Und doch, oder gerade wegen der Vertrautheit, sitzen wir schließlich still nebeneinander. Lassen unsere Blicke schweifen, schweigen gemeinsam, genießen gemeinsam – den Abend, das Erlebte, aber auch dieses wundervolle Gefühl nichts mehr sagen zu müssen. 


Und da fällt es mir auf: Dieser Kontrast.


Wir sitzen nebeneinander, schweigend – und doch schweifen unsere Blicke über den Strand, über das Wasser, mal zum Himmel, mal zu der Möwe dort drüben. Voller Zufriedenheit über den Moment.

Um uns herum sind Menschen, viele Menschen an einem Sommerabend am Ostseestrand. Es sind Paare oder Familien, vielleicht Freunde zu zweit oder in Gruppen. 

Und viele sitzen stumm da, aber ohne den Blick zu heben, ohne die Magie des Momentes, das Farbspiel am Horizont oder diesen Duft der Luft, die ganz allmählich abkühlt, wahrzunehmen. 

So viele sitzen gebannt auf ihr Handy starrend. Hin und wieder tippend, doch meistens scrollend. Seite um Seite, während um sie das Leben tobt. 

Auch diejenigen, die in Gruppen zusammenstehen, sich unterhaltend, häufig geht der Griff zum Smartphone. Sie sind überall. 

Ganz egal ob Eltern am Kinderspielplatz, das Pärchen im Eiscafé, oder die Jugendlichen mit ihren Getränkedosen – mein Blick findet kaum jemanden ohne Handy in der Hand, oder zumindest in Blickweite. Immer erreichbar. 


An einem Sommerabend am Ostseestrand. 

Für mich eine Auszeit, zwei Stunden nur und doch ein kleiner Urlaub, mal rauskommen aus dem Alltag, raus aus dem eigenen Umfeld. 

Für viele hier der Urlaub, eine große Auszeit, Familienzeit sogar oder Zeit zu zweit. 

Ich frage mich, was zieht sie alle in ihren Bann? 

Ist es Arbeit, die sie noch schnell erledigen? Nebenbei? 

Oder eher Social Media? Die neuesten Nachrichten? Aufregung im WhatsApp-Gruppenchat?

Vielleicht ist es nur der Moment, diese gefühlte Leere.


Ich kenne es auch:

Eben noch im Restaurant, meine Freundin geht zur Toilette. Ich bleibe sitzen, greife automatisch nach meiner Handtasche, fische wie ferngesteuert nach dem Handy…. Bevor ich es entsperre, bemerke ich, was ich gerade tue, und lasse es schnell wieder in der Tasche und diese am Boden verschwinden. 

Zu groß das Gefühl, aus dem Moment gerissen zu werden. Aus der Vertrautheit des Gesprächs, das wir gleich fortsetzen werden, sobald sie zurück ist. 

Ohnehin ist mein Handy oft nicht in Reichweite. Ärgerlich, wenn ich gerade einen Moment festhalten will und keine Kamera weit und breit. 

Gleichzeitig bin ich genervt von mir selber, wenn ich es doch erreiche. In einem „leeren Moment“. Ein Warten, ein kurzes „Wie geht es weiter?“ und schon ist das Handy entsperrt. Schon bin ich abgelenkt, hineingesaugt in die Welt der schreiend bunten Captions und der nicht enden wollenden Katzenvideos.

Und ehrlich? Ich hasse es. Egal, wie ich mich vorher gefühlt habe, hinterher bleibt ein unangenehmes Gefühl, wie ein fader Geschmack im Mund. Vielleicht habe ich mich zu Online-Shopping hinreißen lassen, oder bin dem Vergleich auf Social Media erlegen. Ich fühle mich ungenügend, nicht gut genug oder verurteile mich am Ende selber, wenn mir auffällt, dass ich wieder fünf Katzenvideos geschaut habe. Was für eine Zeitverschwendung. Ich mag nicht mal Katzen. 


Manchmal ist es nicht einfach, diese „leeren“ Momente zuzulassen. 

Manchmal kommen mir dann auch ohne Social Media Gedanken von „Ich bin nicht genug“. Oder mir fällt wieder ein, dass ich mich vorhin idiotisch benommen habe. Dann könnte ich fast Verständnis haben für mich und die Angst vor dem „leeren“ Moment. 

Aber gerade im Sommer, jetzt wo die Momente draußen so wundervoll sind und ich sie am liebsten unbegrenzt aufsaugen möchte, ärgere ich mich noch mehr über mich selber, wenn ich diese kurzen scheinbar leeren Momente mit Screen-Zeit fülle. 

Dabei bemerke ich, dass ich auch gerade jetzt im Sommer immer besser dem Reiz widerstehen kann.

Ich fülle die „leeren“ Momente, nicht aktiv, aber durch Offenheit: 

  • Ich nehme den Duft wahr, der aus dem Kräuterbeet zu mir weht.
  • Ich spüre die warme Luft auf der Haut und genieße die Tatsache, dass der Moment gerade „leer“ war, dass nämlich nichts Dringendes nach mir gerufen hat.
  • Es fällt mir immer leichter, Positives entstehen zu lassen, diese vermeintliche Leere mit Augenblicken zu füllen. 
  • Und manchmal greife ich dann ausgerechnet, aber ganz bewusst, zum Handy und schreibe eine Nachricht. Einfach so, ein liebevolles „Hallo“ an eine Freundin, die ich lange nicht gesprochen habe. Einfach so, weil ich gerade an sie gedacht habe. 

Und dann spüre ich diesem Gefühl nach. Ich habe Freude gesäht. In diesen „leeren“ Moment. 


Während ich jetzt am Strand sitze,

bewusst ohne Ablenkung durch Katzenvideos, wandern meine Gedanken wieder zu den Menschen, die ich beobachte. Immer noch weiß ich nicht, was sie antreibt, so beharrlich mit gesenktem Kopf auf den Bildschirm zu blicken. 

Ob sie einem Gespräch aus dem Weg gehen? Mit sich selbst? Oder mit ihren Lieben?

Ob sie den Gedanken an Stille und Nichtstun schlicht nicht ertragen können?

Oder ob sie Langeweile empfinden, wenn sie auf einen Strand und die Wellen schauen?


Ganz egal, was es ist. Viel mehr beschäftigt mich die Frage:

Wenn sie am Ende des Tages ins Bett gehen, haben sie einen schönen Urlaubstag gehabt?

Macht es einen Unterschied für sie, ob sie den Tag hier am Strand verbracht haben, oder ist es egal?

Und wissen sie, wie gut die Ostseeluft am Abend riecht?

Was genau macht für sie Urlaub aus? 

Denn soweit ich es verstehe, ist die Aussicht ins Handy dieselbe, ob ich zuhause bin oder im Urlaub, egal ob in den Bergen oder am Ostseestrand.

Ist es dann noch Urlaub, wenn ich den Alltag im Bildschirm mitnehme?


Vielleicht ist die eigentliche Frage aber: 

Bin ich zu romantisch, zu detailverliebt in meine Umgebung? 

In den Moment mit meiner Freundin? 

Fest steht, ich ziehe Kraft, neue Energie und große Zufriedenheit aus diesem Abend. Er macht mich stark für das, was kommt, und versöhnt mich mit dem, was heute schon alles war. 


Mittlerweile ist es dunkel geworden.

Wir sitzen noch immer nebeneinander, jetzt die Füße im kühlen Sand. Die meisten Menschen sind verschwunden, die Möwen auch, nur das Wasser spült immer noch regelmäßig mit leisem Rauschen auf den Strand. 

Da kommt eine Spaziergängerin. Mit den Füßen im Wasser schlendert sie den Strand entlang. 

Als sie in unsere Nähe kommt, hebt sie den Kopf zum Gruß. Wir auch, gleichzeitig. 

„N’Abend“ sagt sie, wir „Moin“. Und dann lachen wir gemeinsam. 



Diesen Text teile ich mit dir als meinen Beitrag zur Blogparade „Digital Detox im Sommer“ im Juli 2026. Diese Blogparade wurde ausgerufen von Stefanie Seitz von Mama-macht-Abenteuer
Danke für das Thema und die Inspiration zu diesem Text. 

Christina am Ostseestrand, denkt nach über Meditation

Christina | Stimme für Pause


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