Warum mein Bestes heute gut genug sein darf
Vom Funktionieren und Pausieren
In dieser Reihe schreibe ich über das Dazwischen: über den Wunsch aufzuhören und den Drang, trotzdem weiterzumachen. Über Erschöpfung, Leistung und Rechtfertigung – und darüber, wie schwer es ist, unseren Körper und unsere Grenzen ernst zu nehmen, warum das so ist und wo wir neu denken könnten.
Tschüss Perfektionismus
Ich lasse ihn gehen und – das ist neu – nehme mich selbst wichtig.
Was nur mit allergrößten Widerständen und sogar Zwang von außen begann, ist nun meine Maxime. Es zieht sich durch mein ganzes Leben, nicht nur meine Arbeit, sondern auch Haus & Garten, Sport, sogar Freundschaften und Familie.
Ich lasse meinen Perfektionismus gehen, und mit ihm Kämpfe, Haareraufen, Unzufriedenheit, Wut bis hin zur Verzweiflung. All meine Selbstzweifel, Kopfschmerzen und das immer präsente Gefühl zu versagen dürfen gehen.
Mehr noch: ich verbiete ihnen zu bleiben. Ich schiebe sie von mir, will nichts mehr von ihnen hören. Loslassen klingt so leicht, so „mach ich im Vorbeigehen“. Doch so ist es nicht, besonders, wenn man in perfektionistischen Bahnen denkt.
Ich lasse Perfektionismus los, aber das heißt nicht automatisch, dass ich jetzt in eine „alles-Egal-Stimmung“ verfalle. Nein. Ganz und gar nicht.
Es gibt immer noch viele Dinge, die mir sehr wichtig sind und für die ich mir Zeit nehme, wo ich mit Sorgfalt vorgehe und mein Bestes gebe.
Der Unterschied ist: Mein Bestes ist gut genug!
Mein Bestes ist gut genug. Und das erkenne ich an. Ich schenke mir hier Anerkennung, Wertschätzung, statt der niemals endenden Selbstvorwürfe und den Antreiberfloskeln mit „Das muss noch besser gehen“. Mein Wort-Vorrat an „Streng dich mal mehr an“ ist einfach aufgebraucht. Für mein Leben. Aufgebraucht. Nicht mehr verfügbar. Und wird auch nicht wieder aufgefüllt. Dafür sorge ich.
Mein Bestes ist gut genug, wenn ich z.B. für meine Tätigkeit Social-Media-Posts vorbereite. Ich bereite sie vor, ich mache mir Gedanken, ich mache sie gut. Und dann poste ich sie. Ja, lange bevor sie perfekt sind. Aber gut ist eben gut genug.
Gleiches gilt für meinen Haushalt. Ich habe gelernt mit einem gewissen Maß an Unordnung zu leben. Früher undenkbar. Heute ok. Nicht perfekt, natürlich nicht, aber ok.
Ich habe hier meine Ansprüche ganz gewaltig runtergeschraubt. Das war nicht einfach, aber es tut gut.
Am Rande habe ich festgestellt, dass überhöhte Ansprüche an sich ja auch nichts an der Situation als solche ändern. Sie sorgen nur für massiven Druck. Für zusätzlichen Stress, den ich wirklich nicht brauchen kann. Wenn ich beispielsweise körperlich zu erschöpft bin, um die Wäsche abzuhängen und den Wäscheständer wegzuräumen, dann bleibt der Wäscheständer stehen. So einfach. Ich kann mich innerlich dagegen auflegen und mich verurteilen dafür, dass ich nicht meine allerletzten Kraftreserven zusammenkratze und ihn doch wegräume. Ich kann mich ärgern, dass meine Ansprüche an Ordnung im Haushalt nicht erfüllt werden – davon verschwindet der Wäscheständer aber auch nicht.
Oder ich kann einfach den Wäscheständer stehen lassen und mich erholen. In der Gewissheit, dass hier im Haus gelebt wird. Es handelt sich halt nicht um ein Museum.
Auch wenn es um Freundinnen geht, kann ich mittlerweile mein Bestes geben, ohne noch mehr von mir zu verlangen. Habe ich früher nächtelang über DAS passende Geschenk gegrübelt oder stundenlang pinterestige Verpackungen nachgebastelt, schenke ich heute meistens einen Gutschein -für ein Frühstück zum Beispiel. Nicht weil es weniger Gedanken kostet. Nein, weil es ein wunderbares Geschenk für eine Freundin ist. Wir verbringen Zeit miteinander. Das ist unschätzbar wertvoll. Ich gebe meine Energie dahinein und schenke Wertschätzung. Das ist würde ich sagen „perfekt“.
Mittlerweile erkenne ich, dass meine „Gut-Genug-Einstellung“ mir und meinem Umfeld gut tut.
Es ergibt sich viel mehr Raum für, so klischeehaft sich das anhört, die wichtigen Dinge im Leben.
Dadurch, dass ich ganz bewusst auswähle, womit ich meine Lebenszeit verbringe, wohinein ich meine begrenzte Energie stecke, bin ich viel präsenter in dem, was ich tue.
Zusätzlich habe ich eine Art inneren Frieden gewonnen, den ich mir nie hätte vorstellen können. Ich habe erstmalig auch Zeit für mich, schenke mir verständnisvolle Gedanken und bin manchmal stolz auf mich. Auch das war früher unvorstellbar.
Ich habe Vertrauen in mich gewonnen und ganz viel Selbstbewusstsein. Dabei wird – auch dank meiner ToDo-Listen-Disziplin– meine ToDo-Liste nicht immer länger – ich erledige auch Dinge und streiche sie zufrieden ab.
Und ich erlaube mir Fehler zu machen. Was klingt, wie ein Kalenderspruch, ist im Leben eine sagen wir mal interessante Erfahrung. Hätte ich mich früher noch tagelang für einen Fehler verurteilt, ist es mir heute immer noch zunächst unangenehm, aber ich erlaube mir daraus zu lernen. Der Satz „Dann mache ich es beim nächsten Mal halt besser“ ist ziemlich neu in meinem Repertoire und findet mittlerweile regelmäßig Anwendung. Ich sorge dafür, dass er mir nicht so schnell ausgehen wird.
Ich habe so viel gewonnen, als ich meinen Perfektionismus losließ, dass ich mittlerweile lächeln kann, wenn ich mich ertappe, wie sich doch ein perfektionistischer Gedanke bei mir einschleicht.
Einmal Perfektionist, vielleicht immer Perfektionist. Aber jetzt nicht mehr 100 %, sondern mit viel Raum für das richtige Leben.
Diesen Text teile ich mit dir als meinen Beitrag zur Blogparade „Wofür nimmst du dir (wieder) Raum – und was darf dafür gehen?“
im Juli 2026.
Diese Blogparade wurde ausgerufen von Anette Schade.
Danke für das Thema und die Inspiration zu diesem Text.








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