Über Bewegungsstille, Gedankenstille und die Frage, wann es Zeit wird, die eigene Stimme zu erheben.
Christina Reinisch | Stimme für Pause
Vom Funktionieren und Pausieren
In dieser Reihe schreibe ich über das Dazwischen: über den Wunsch aufzuhören und den Drang, trotzdem weiterzumachen. Über Erschöpfung, Leistung und Rechtfertigung – und darüber, wie schwer es ist, unseren Körper und unsere Grenzen ernst zu nehmen, warum das so ist und wo wir neu denken könnten.
Als ich an diesem Freitagabend den Impuls zur Blognacht von Anna Koschinski in mir sacken lasse und spüre, wo mich das hinführt, ist meine erste Reaktion: „Still sein ist etwas für Anfänger?“ – Auf gar keinen Fall!
Oder doch? Schau, wo mich dieser Impuls hingeführt hat.
Bewegungsstille
In meiner Tätigkeit als Stimme für Pause halte ich regelmäßig Kurse für Tiefenentspannung: Sanftes Yin & Restauratives Yoga mit langen Ruhephasen, Körperwahrnehmung und Atmung.
Ich leite die Teilnehmenden mit meiner Stimme. Bewegungen werden nur sehr ruhig und langsam ausgeführt, die meiste Zeit liegen die Teilnehmenden.
In den einzelnen Positionen minutenlang – bewegungslos – und anschließend zum Nachspüren in Rückenlage. Minutenlang. Ohne Bewegung.
Dabei zeigt die Erfahrung, dass mit der Bewegungsstille die eigentliche Herausforderung beginnt. Für gesunde Körper sind meine Erfahrungsräume keine Aktivität, eine Belastung schon gar nicht. Wir üben Passivität und loslassen.
Und – wir üben ebendas auszuhalten.
Denn mit der Bewegungsstille beginnt im Kopf häufig die eigentliche Action. Gedanken kreisen, als hätten sie endlich einmal Freilauf. Jagen einander in einem Tempo, dass das bekannte Bild von den „Gedanken, die wir wie Wolken am Himmel vorbeiziehen lassen“ einfach nur lächerlich wirkt.
Diese übereifrigen Gedanken sind der eigentliche Grund dafür, dass Bewegungsstille so eine Herausforderung sein kann. Das ist definitiv nichts für Anfänger.
Eine Teilnehmerin hat mir nach fast zwei Monaten Teilnahme an meinem wöchentlichen Kurs die Rückmeldung gegeben, dass sie es ganz furchtbar fand. 7 Termine à 90 Minuten. Furchtbar. Sie hat immer nur sehnsüchtig auf meine Worte gewartet: „Mach dich bereit für deine letzte Position.“ Denn dann wusste sie, „ist es bald vorbei“.
Sie ist nur geblieben, weil die anderen Teilnehmerinnen so geschwärmt haben – und weil Yin Yoga so gesund sein soll.
Das war im Februar. Heute verlässt sie den Kursraum nach der gemeinsamen Praxis und sie kann es selbst nicht glauben: „Mittlerweile vergeht die Zeit wie im Flug. Heute hast du gesagt „Mach dich bereit für deine letzte Position“ und ich habe gedacht „Was? Das kann doch nicht sein, wir haben doch erst 20 Minuten praktiziert.“
Sie hat geübt. Woche für Woche. Hat die Bewegungsstille ausgehalten und kann sie jetzt willkommen heißen. Sie freut sich auf „Entspannt ins Wochenende“. Eben um dann ruhiger zu werden und die herausfordernde Woche hinter sich zu lassen.
Das ist ihr nicht in den Schoß gefallen. Das war wirklich harte Arbeit.
Und Anfänger? Nein, ist sie definitiv nicht mehr.
Gedankenstille
Was passiert aber, wenn auf die Bewegungsstille plötzlich auch Gedankenstille folgt?
Das braucht viel Übung, aber dann und wann passiert das, dass die Gedanken wirklich stillstehen. Ich erlebe es seltener als ich mir das wünsche, aber wenn es passiert, ist es auch erstmal überraschend. Ungewohnt und irritierend.
Mittlerweile kann ich es willkommen heißen. Aber anfangs? Ich konnte es nicht.
Wie es anderen Anfängern geht, kann ich nur mutmaßen. Aber dass es leicht ist, fällt mir nicht leicht zu glauben. Gedankenstille Anfängersache? Wohl kaum.
Schweigen
Immer mal wieder lesen oder hören wir Berichte, in denen Menschen erzählen, wie herausfordernd Schweigen sein kann. Also still sein mit der Stimme.
Ein Schweigeretreat steht auf meiner „Wenn ich mich mal traue – Wunschliste“. Ich habe großen Respekt davor, tagelang nichts sagen zu dürfen. Oder nichts schreiben. Dabei bin ich nicht mal sicher, was wohl schlimmer ist.
Also für mich: still sein ist überhaupt nichts für Anfänger.
Dazu braucht es Mut und Entschlossenheit. Und ja, auch Übung.
Vieles fühlt sich leichter an, wenn wir keine Anfänger mehr sind.
Warum sollte das mit „still sein“ anders sein?
Still bleiben
Und wenn wir dann gelernt haben, still zu sein – woran merken wir, dass hier auch eine Art Umkehr entstehen kann? Wenn die Herausforderung plötzlich nicht mehr das Still-Sein ist, sondern das Gegenteil – das Laut-werden?
Und woher wissen wir, dass wir dem Anfängerstadium entwachsen sind?
Woher wissen wir, dass es an der Zeit ist, uns nicht mehr dahinter zu verstecken?
Denn was wird, wenn wir absichtlich still sind, zum Beispiel aus Angst vor dem Gegenteil: vor dem laut sein?
Was, wenn wir nicht gewohnt sind laut zu sein, im Mittelpunkt zu stehen, die Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen? Ist es dann Ausdruck von Anfängertum, wenn wir den Mund halten und nicht auffallen wollen?
Und wo genau verläuft die Grenze zwischen Noch-Anfänger und Nicht-Anfänger? Diese unsichtbare, die wir nur selbst definieren können.
Laut werden
Ist es dann Ausdruck von Nicht-mehr-Anfänger-Sein, wenn wir uns trauen laut zu werden?
Und dafür entscheiden, deutlich zu werden und die Stimme zu erheben? In Texten und auch im gesprochenen Wort?
Wenn still sein etwas für Anfänger wäre, ist dann laut sein für Fortgeschrittene?
Wenn ich für Pause eintrete, indem ich Vorträge halte und für eine gesündere Pausenkultur in Organisationen und Unternehmen sensibilisiere, dann fühle ich mich wohl. Kraftvoll und wirksam.
Ich habe geübt und bin das mittlerweile gewohnt.
Hier bin ich keine Anfängerin mehr – und kann deshalb laut sein.
Lauter als früher – als…, ja genau Anfängerin.
Ich kann das jetzt.
Und ich entscheide mich ganz bewusst dafür.
Denn ist es jetzt nicht sogar meine Pflicht, lauter zu werden?
Ist es nicht meine Pflicht als Nicht-mehr-Anfängerin, dieses „das ist was für Anfänger“ hinter mir zu lassen und laut zu sein?
Und für meine Sache einzutreten?
Hier als Stimme für Pause – für Pausenkultur und Pausensolidarität.
Und im Leben ganz allgemein – für Kultur und Solidarität.
Was denkst du?
Dieser Artikel ist während der „Blognacht“ am 25.09.26 entstanden. Die „Blognacht“ wird regelmäßig initiiert von Anna Koschinski.
Anna hält den Zoom-Raum und inspiriert mit einem Schreibimpuls.
Danke für die Gelegenheit, in Gemeinschaft zu schreiben.

Christina Reinisch | Stimme für Pause








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