Oder: Du kannst eben nicht alles wegoptimieren

Vom Funktionieren und Pausieren
In dieser Reihe schreibe ich über das Dazwischen: über den Wunsch aufzuhören und den Drang, trotzdem weiterzumachen. Über Erschöpfung, Leistung und Rechtfertigung – und darüber, wie schwer es ist, unseren Körper und unsere Grenzen ernst zu nehmen, warum das so ist und wo wir neu denken könnten.

„Du musst dich einfach besser organisieren, dann klappt das schon!“

Klingt gut. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Kann ich dir aus meiner Erfahrung in den schillerndsten Farben berichten. 

Dabei ist dies kein außergewöhnlicher Rat. Wie so viele andere Ratschläge rund um Arbeit und Funktionieren ist dieser weit verbreitet – und im Kern auch nicht falsch. 

Natürlich fällt uns Arbeit leichter, wenn wir gut organisiert sind, uns und die Aufgaben im Blick haben und mit einer gewissen Struktur an die Herausforderungen herangehen.


Fluch oder Segen?


Allerdings scheint mir dieser Rat gleichzeitig auch zu kurz gegriffen. Er ist nämlich nicht, wie schnell behauptet, die Lösung all unserer Probleme. 

Und mehr noch: er ist auch gefährlich. Und zwar immer dann, wenn er sich ganz subtil in ein Urteil verwandelt. Immer dann, wenn er unterschwellig sagt:

„Wenn du es nicht schaffst, ist deine Organisation schlecht, bist du schlecht organisiert. Kurz, machst du etwas falsch!“

Denn diese Perspektive lässt die Rahmenbedingungen vollkommen außer Acht. 

Was, wenn die Arbeit wirklich zu viel ist? 

Was, wenn sich die gestellten Aufgaben wirklich in der vorgegebenen Zeit nicht umsetzen lassen?


Organisation als die Lösung?

Dann kann uns bessere Organisation auch nicht retten. 

Organisation kann Strukturen schaffen und unsere Ressourcen bestmöglich einsetzen. 

ABER auch die beste Selbstorganisation kann keine zusätzlichen Ressourcen aus dem Nichts herbeischaffen. 

Irgendwann ist das Ende der Optimierungsmöglichkeiten erreicht. Und das ist eben KEIN Fehler des Einzelnen, auch wenn der Rat genau das suggeriert. 

Schnell entsteht der Eindruck:

„Du bist verkehrt, wenn du mit Selbstoptimierung nicht alle deine Probleme löst.“


Das habe ich jedenfalls lange Zeit gedacht. 

Rückblickend muss ich anerkennen, dass ich vor vielen Jahren wirklich eine Meisterin der Selbstoptimierung war.

Aber hat es geholfen? Bis zu einem gewissen Grad: Ja, schon irgendwie. 

Und gleichzeitig auch NEIN, denn irgendwo stößt selbst eine Meisterin der Selbstoptimierung an ihre (ganz natürlichen) Grenzen. Das weiß ich heute. 

Du musst dich nur besser organisieren!

Besser als …?

  • Habit-Tracker
  • To-Do-Listen
  • Kalender
  • Post-Its und Stifte in allen Farben
  • Pomodoro-Technik inklusive Timer
  • Ein liebevoll aufgeräumter Schreibtisch
  • Positive Affirmationen an der Wand
  • Der Lieblingstee in der Kanne
  • Ein Teelicht unter der Teekanne
  • Ätherische Öle für wahlweise gute Laune oder Konzentration
  • Lehrgänge in Office-Anwendungen und 10-Finger-Schreiben (heute wäre es KI)
  • Pflanzen auf der Fensterbank (für die bessere Raumluft)
  • Das Licht von der richtigen Seite
  • Ein ergonomischer Schreibtischstuhl, hochwertiges Mousepad sowieMonitor
  • Eine ausgeklügelte Ablagetechnik
  • u.v.m.

Und trotzdem: Ich bin ein Mensch und keine Maschine. 


Was bleibt?

Es mangelte also wirklich nicht an Systemen. Und dennoch geriet meine Selbstoptimierung an ihre Grenzen. Und genau hier fühlte ich mich als Versagerin, weil ich nicht weiter optimieren konnte. Dabei ist es ganz natürlich: Irgendwann gibt es nichts mehr zu optimieren. 

Aber was bleibt dann?

Eine Erkenntnis: 

Ich bin ein Mensch mit schwankender Leistungsfähigkeit. Punkt. 

Das klingt vielleicht erstmal bitter. Ist es aber nicht. Zumindest nicht nur. 

Denn wenn wir den Gedanken zulassen, dass wir – auch wenn wir unser Bestes geben, nicht jeden Tag gleich leistungsfähig sein KÖNNEN – dann kann eben dieser Gedanke eine ganz große Freiheit bedeuten. 


Kein Tag wie der andere

Denn da sind die Tage, an denen wir besser denken können als an anderen. Es gibt einfach Tage, da fällt das Denken schwerer – da brauche ich dann öfter z.B. einen Taschenrechner. Und da hilft auch kein Fokus-Öl. 

Da sind die Phasen, da kann ich locker länger als 25 Minuten Pomodoro an einer Aufgabe dranbleiben, fühle mich sogar aus der Konzentration gerissen, wenn ich dann Pause machen soll, bloß weil der Timer klingelt. Und da sind diese anderen Phasen oder andere Aufgaben da kann ich manchmal auch keine 25 Minuten dranbleiben. 

Da sind die Tage, an denen ich geduldig bin am Telefon, zuvorkommend und ausgesucht höflich. An anderen Tagen – hmm, eher nicht. 

Da sind die Tage, an denen ich gut drauf bin. Und andere, an denen bin ich schlecht drauf. Habe vielleicht schlecht geschlafen, schlecht geträumt, oder eben nicht. 

Ich habe einen Körper:

Vielleicht ist eine Erkältung im Anflug. 

Vielleicht habe ich gestern beim Sport übertrieben. 

Vielleicht zu viel gefrühstückt, vielleicht zu wenig, vielleicht das Falsche. 

Das Leben ist bunt – und ich bin keine Maschine. 

Ich mache Fehler, verrechne mich. Verrutsche im Formularfeld, muss mich korrigieren. 

Und dann sind da noch die Tage, an denen eh alles schief zu laufen scheint. Organisier das mal weg. Ein hoffnungsloses Unterfangen.

Und dennoch: es liegt manchmal einfach nicht in unserer Macht. Das Leben trotzt unserer Organisation – und nicht nur hin und wieder. 


Dein Körper ist ein Körper und keine Maschine. 

Mit täglich leicht anderen Bedürfnissen und unterschiedlichem Leistungsvermögen. 

Schwankender Input. Schwankender Output. 

Du kannst versuchen dagegen anzukämpfen. 

Du kannst versuchen kurzfristig Leistungsspitzen abzurufen. 

Doch langfristig darfst du Abstand nehmen von der Idee, deinen Körper ausschließlich auf Leistung zu optimieren.

Denn: Du hast nur einen Körper. Und der ist mehr als nur ein Organisationsproblem. 


Wie siehst du deinen Körper? Und versuchst du auch manchmal über seine Bedürfnisse hinweg zu organisieren? Wie geht es dir damit und was kannst du anderen raten?

Ich bin gespannt auf deine Sicht der Dinge. Schreib mir gern. Hier in den Kommentaren oder per Mail an christina@deinkoerper-deinweg.de


Diesen Text teile ich mit dir als meinen Beitrag zur Blogparade „Ratschläge für die Tonne“ im Juli 2026. Diese Blogparade wurde ausgerufen von Antonia Ludwig.
Danke für das Thema und die Inspiration zu diesem Text. 

Christina am Ostseestrand, denkt nach über Meditation

Christina | Stimme für Pause


In meinem Newsletter „Zwischen Atem & Alltag“ schreibe ich regelmäßig über Pausen, Erschöpfung, Körperwahrnehmung und die Erlaubnis, nicht immer weiter funktionieren zu müssen.

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