Zwangspause – Über einen winzigen Moment, der meine Souveränität ins Wanken brachte
Vom Funktionieren und Pausieren
In dieser Reihe schreibe ich über das Dazwischen: über den Wunsch aufzuhören und den Drang, trotzdem weiterzumachen. Über Erschöpfung, Leistung und Rechtfertigung – und darüber, wie schwer es ist, unseren Körper und unsere Grenzen ernst zu nehmen, warum das so ist und wo wir neu denken könnten.
Peinlich: Wenn mir mitten im Satz die Worte fehlen
Neulich ist es mir wieder passiert: Mir fehlten die Worte.
Mitten im Satz.
Eben waren sie noch da. Ich wusste genau, wie es weitergehen sollte.
Jetzt: Stille. Pause. Nichts.
In einer alltäglichen Situation
In einer YinYoga-Klasse hatte ich die Position angeleitet. 14 Frauen lagen in zunehmender Entspannung auf ihren Matten vor mir. Mit geschlossenen Augen, ganz bei sich, in ihre eigene Welt versunken.
Auch ich lag auf meiner Matte, in derselben Position, spürte in mich hinein und ließ mich fließen. Wie üblich gab ich mich meiner Wahrnehmung hin, im Hinterkopf die Handvoll Stichworte, die die Impulse des Abends leiten sollten: Bewegungslosigkeit, Stille im Außen und dann im Innen, die Herausforderungen, die Stille mit sich bringen kann.
Ausgerechnet.
Zusammen mit der Intention der aktuellen Yoga-Position, mit meiner Wahrnehmung und meiner ganz eigenen Intuition flossen die Worte aus mir heraus. Gaben einen Impuls in den Raum.
Wie immer fließend, ineinander übergehend, mühelos und mit Leichtigkeit.
Zwangspause
Bis eben ganz plötzlich nichts mehr floss.
Wie war noch das nächste Wort? Wie ging der Satz weiter?
Gerade war es noch da. Nicht so sehr das Wort, aber das Gefühl. Irgendwo in mir.
Jetzt gähnende Leere in meinem Kopf.
Was soll ich sagen?
Mein Puls steigt, ich spüre, wie ich rot werde. Niemand sieht es, alle haben die Augen geschlossen.
Und doch. Wie peinlich! PANIK. In Großbuchstaben.
Die Sekunden dehnen sich.
Ich versuche mich zu erinnern, wie die letzten Sätze gingen. Vergebens. Gähnende Leere. Ich weiß gar nichts mehr. Schockstarre.
Sekunde. Ich glaube, gar nichts mehr zu wissen.
Während die Sekunden sich dehnen, atme ich weiter. Und weil ich – auch nach Sekunden, die sich wie Minuten anfühlten – wirklich nicht weiß, wie der Satz hätte weitergehen sollen, beschließe ich, dass er hier zu Ende ist. Punkt.
Ich konzentriere mich wieder ganz bewusst auf meinen Atem und beobachte, wie die Röte aus meinem Gesicht in aller Langsamkeit wieder abfließt.
Ganz vorsichtig komme ich zurück. Auf meine Matte, in meine Rolle.
Dann spüre ich in den Raum hinein und stelle fest – alle Frauen liegen in greifbarer Ruhe auf ihren Matten. Sie atmen gleichmäßig.
Kein Anzeichen verrät, dass sie die ungeplante Pause überhaupt wahrgenommen haben.
Ich bin zurück
Puh. Ich atme tief aus und fahre dann mit der Klasse fort.
Als wäre nichts passiert.
Und tatsächlich ist auch nichts passiert.
Ich habe sie später gefragt. Keine hatte etwas bemerkt.
Und doch ist da etwas passiert in mir.
Wie unangenehm. Ausgerechnet in einer Situation, die ich sonst immer unter Kontrolle habe. Schon Hunderte Male habe ich das gemacht: praktiziert, angeleitet, den Raum gehalten.
Ich kann das. Und ich mache es sehr gut. Immer. Oder eben fast immer.
Mein Anspruch an mich
Die Tatsache, dass niemand etwas gemerkt hat von „meinem Aussetzer“, von „meinem Versagen“, von dieser ungeplanten Pause, ändert nichts daran, dass ich sie bemerkt habe.
Und dass sie in mir weiterwirkt.
Sie wirft Fragen und Zweifel auf:
Wie konnte das passieren?
Wie unprofessionell, einfach den Faden zu verlieren.
Da war ich wohl unkonzentriert.
Mein Kopf hat ausgesetzt. Was, wenn er das wieder macht?
Und schon bringt mich dieser winzige Moment nachhaltig aus dem Konzept.
Gerade, weil ich mir in solchen Situationen immer so sicher bin.
Ich konnte mich immer auf mich verlassen. Darauf, dass ich immer die richtigen Worte und Impulse finde. Und jetzt hat das nicht geklappt.
Das Vertrauen ist erschüttert.
Und in meiner Wahrnehmung auch meine professionelle Souveränität.
Da hilft es wenig, wenn ich versuche, liebevoll mit mir zu sein: „Menschen machen Fehler“, „Es ist doch nichts Schlimmes passiert“.
Es ist mir peinlich. Peinlich. Peinlich.
Vor mir selber.
Offensichtlich habe ich meinen eigenen Anspruch an mich heute nicht erfüllt.
Offensichtlich geht mein Leistungs-Ich ganz selbstverständlich davon aus, dass ich immer auf der Höhe meiner Kraft bin und jederzeit dieselbe Leistung abrufen kann.
Denn auch wenn YinYoga nach außen sanft aussieht, ist es eine Leistung, diesen Raum für die Teilnehmerinnen so zu halten.
Pause?
Offensichtlich erwarte ich von mir, dass ich Pausen einplane, aber nicht, dass sich die Pause selber „nimmt“. Oder dass mein Körper sie sich genau dann nimmt, wenn er sie braucht.
Rückblickend kann ich allerdings feststellen, dass diese Pause gar nicht das Drama war, als das sie sich für mich angefühlt hat.
Was, wenn diese Pause genau an dieser Stelle der Klasse sogar gutgetan hat?
Was, wenn ich einfach wertschätze, dass der Raum so stabil war und die Frauen sich so wohl fühlten, so dass eben eine kleine Schwäche meinerseits keinerlei Auswirkungen hatte?
Spricht das nicht eher für die Klasse als Ganze? Und für meine Fähigkeit, einen Raum zu halten?
Was, wenn ich akzeptiere, dass ich keine Maschine bin? Und mein Kopf auch nicht. Und mehr noch, dass niemand von einer Maschine begleitet werden möchte.
Was, wenn ich anerkenne, dass ich zwar den Faden, aber nicht die Beherrschung verloren habe? Was, wenn ich anerkenne, dass ich souverän den Faden wieder aufgenommen und weitergesponnen habe?
Dann gehe ich nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt aus dieser Erfahrung heraus.
Nicht, weil mir nie wieder die Worte fehlen werden.
Sondern weil ich jetzt weiß, dass der Raum nicht zusammenbricht, wenn mir doch die Worte fehlen.
Und ich wünsche dir und mir, dass wir in Zukunft weniger hart mit uns ins Gericht gehen, wenn sich in unserer Arbeit Momente der Menschlichkeit zeigen.
Momente, die wir nur durch unsere auf Leistung getrimmten Ansprüche als inakzeptabel, unprofessionell oder verachtenswert empfinden.
Peinlich eben.
Kennst du auch solche Situationen, in denen sich die Pause gewissermaßen „selber nimmt“? Situationen, in denen du der Pause ausgeliefert bist? Was ist deine Erfahrung – immer eine Scheitern oder doch auch Gewinn?
Lass es mich wissen. Ich bin gespannt, von dir zu lesen. Schreib mir gern hier in die Kommentare oder per Mail an christina@deinkoerper-deinweg.de
Diesen Text teile ich mit dir als meinen Beitrag zur Blogparade „Peinlich!? Scham als Ressource im Berufsalltag“ im Juli 2026. Diese Blogparade wurde ausgerufen von Susanne Wagner von Atemsinn
Danke für das Thema und die Inspiration zu diesem Text.








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